Rollstuhl fahren (k)ein Knochenjob

Radnabenantriebe (Twion) – Bild Nr. 201908092775

Wer mit einem Aktivrollstuhl aus eigener Kraft unterwegs ist, dem braucht wohl niemand erzählen, dass das keine Schwerstarbeit ist. Es sind nicht nur die Unebenheiten auf Wegen und Straßen, die vielen Bordsteinkanten und Türschwellen, die zu überwinden sind. Was am meisten die Kräfte raubt ist die Tatsache, das alle Wege und Straßen leicht schräg angelegt sind, damit Regenwasser zur Seite hin ablaufen kann. Und was macht der Rollstuhl daraus? – Ganz klar, er folgt physikalisch logisch der Schräge abwärts. Dem ist dann dadurch zu begegnen, dass man mit einer Hand bremst und mit der anderen mühsam antreibt. Und wenn man dass einmal über mehrere Kilometer gemacht hat, möglicherweise auch noch Steigungen dabei waren, verflucht man seine Behinderung ganz besonders und fragt sich, wie man denn weiterhin mit der Partnerin, dem Partner oder Freunden etwas unternehmen soll, ohne diese ständig um Schiebehilfe zu bitten.

Zum Glück bietet der Hilfsmittelmarkt hier Möglichkeiten an, und niemand der auf einen Rollstuhl angewiesen ist und nicht zuhause versauern will, sollte diese Hilfen auch einfordern, denn viele davon werden von den gesetzlichen Krankenversicherungen schließlich bezahlt, wenn der Bedarf vernünftig begründet wird. Ich persönlich bin ein großer Freund von elektrischen Radnabenantrieben. Diese haben Akku, Motor und Steuerungselektronik in den Rädern eingebaut, und können an jedem handelsüblichen Aktivrollstuhl angebaut werden, ohne das dieser komplett umgebaut werden muss. Man fährt damit ganz normal, so als hätte man keine Antriebe, spürt aber deutlich die Kraft die einen ohne große Mühen vorantreibt. Der Stuhl lässt sich damit genauso gefühlvoll manövrieren, als wären ganz normale Räder montiert, mit dem Unterschied dass es keine Knochenarbeit mehr ist.

Übrigens, um dann zuhause die angetriebenen Räder wieder aufzuladen oder vom Schmutz zu befreien, können diese, dank herkömmlicher Steckachsen, in Sekundenschnelle abgenommen und durch die Standardräder ersetzt werden. Als Alternative zu Radnabenantrieben gibt es auch noch elektrische Zuggeräte, die vor den Rollstuhl zu montieren sind, welche ich als gute Alternativen hier nicht unerwähnt lassen möchte. Da ich aber selbst kein solches Zuggerät besitze, möchte ich hier auch nichts weiter dazu schreiben.


Das Hühnermobil (Hinkel-Heisje) – Bild Nr. 201908182947

Soweit die Theorie, aber heute morgen habe ich mit meiner Frau einen kleinen Ausflug gemacht, bei dem ich die Radnabenantriebe wieder eingesetzt habe: Wir sind mit dem Auto nach Bodenheim/Rheinhessen, ca. 10 km von uns entfernt gefahren. Dort gibt es am Ortsrand einige Bauernhöfe, die allesamt ihre Erzeugnisse in eigenen Hofläden vermarkten, außerhalb der Öffnungszeiten auch über Automaten. Das haben wir heute am Sonntagmorgen einmal erkundet, und haben so für uns Bezugsquellen für diverse landwirtschaftliche Erzeugnisse entdeckt. Wir konnten durch einen offenen Kuhstall gewaltigen Ausmaßes gehen bzw. rollen und uns die zahlreichen Tiere ansehen. Nebenan der Hof hatte eine Hühnermobil auf einer Wiese stehen, welches wenn der eingezäunte Bereich von den Hühnern abgegrast ist, an eine andere Stelle bewegt wird. So hatten wir ein wenig ein Zoo-Erlebnis der etwas anderen Art.

Im offenen Kuhstall – Bild Nr. 201908162934

Und dann haben wir noch eine große Runde durch den Polder gedreht, einem eingedeichten Gebiet mit landwirtschaftlichen Nutzflächen und Naturschutzbereichen, das bei extremem Hochwasser des Rheins geflutet werden kann um so in den weiter stromabwärts gelegenen Großstädten Mainz, Koblenz, Bonn und Köln sowie im Mittelrheintal Katastrophen zu verhindern. Die Wege im Polder sind alle asphaltiert, und somit auch fahrrad- oder rollstuhltauglich. Und wie nicht anders zu erwarten, waren sie natürlich mit leichter Schräge angelegt. Mit den Radnabenantrieben ging es ohne nennenswerte Kraftanstrengung über die Deichrampen hinweg und auch das gleichzeitige Antrieben und Bremsen während der gesamten Runde war nur Bewegung aber kein Kraftakt. Die rund 6 km haben auf diese Weise meiner Frau und mir gleichsam Spaß gemacht, und wir hatten gemeinsam etwas erkundet, was wir vorher noch nicht kannten. So soll es sein, denn eine Gehbehinderung sollte, wenn irgendwie möglich, nicht den Verzicht auf gemeinsame Aktivitäten bedeuten.

Kühe im Bodenheimer Polder – Bild Nr. 201908162936
Die Flutschleuse des Bodenheimer Polders – Bild Nr. 201805111544
Wege duschen den Bodenheimer Polder – Bild Nr. 201805111537
Am Deich entlang durch den Bodenheimer Polder – Bild Nr. 201805111548

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