Urlaub im Rollstuhl: Insel Amrum

Leuchtturm Amrum – Bild Nr. 201909270412

Eine Reise mit Rollstuhl will immer besonders gut organisiert sein, und so will ich heute von unserer Urlaubsreise nach Amrum berichten. Ganz wichtig im Vorfeld ist das Herausfinden eines barrierefreien rollstuhlgerechten Quartiers. Denn hier möchte man im Urlaub keine faulen Kompromisse machen, weshalb man sich vorab bei entsprechenden Anbietern erkundigt. Weiterhin sind Zwischenstationen (Hotels) zu beachten, ob diese auch für Rollstuhlfahrer zugänglich und adäquat ausgestattet sind. Wichtig ist auch zu wissen, wie es am Urlaubsort selbst aussieht, sind genügend Restaurants und Geschäfte da, in die man mit dem Rollstuhl fahren kann. Zu guter letzt ist auch das Transportmittel wichtig, mit dem es zum Urlaubsort geht. Natürlich kann man nicht alle sich ergebenden Hürden im voraus bedenken und beseitigen, aber dieser Bericht mag dem einen oder anderen helfen, einen solchen Urlaub ebenfalls in erfolgreich Angriff zu nehmen.

Südjers Hüs in Süddorf/Amrum – Bild Nr. 201909241527

Fangen wir bei der Unterkunft an: Wir, meine Frau und ich, hatten uns für eine Ferienwohnung entschieden, weil eine Wohnung an Orten an denen das Wetter auch mal schlechter sein kann, mehr Freiraum und Individualität bietet als ein Hotelzimmer. In der Broschüre „Handicapped Reisen 2019“, welche vom CBF-Darmstadt e.V. vertrieben wird, hatten wir unser gewünschtes Domizil gefunden. In Südjers Hüs (Schusters Haus) gibt es eine wirklich mit Herz und Verstand eingerichtete geräumige Wohnung, in der man als Rollstuhlfahrer bestens aufgehoben ist. Zwar mögen die Ansprüche unterschiedlich sein, aber mir hatte es hier an nichts gefehlt. Alle Türen waren breit genug, das Badezimmer war sehr geräumig, die ebenerdige Dusche mit Haltegriffen und Sitz, alle Durchfahrten innerhalb der Wohnung passten ebenfalls, alles war gut durchdacht. Ein Feriendomizil dass ich uneingeschränkt empfehlen kann, egal ob man zu zweit, als Familie oder mit einem befreundeten Paar hierher kommt. Bei der Buchung haben Menschen mit Behinderung übrigens Vorrang vor anderen.

Da für uns aus dem Südwesten Deutschlands der Weg recht weit ist, hatte wir uns für eine Zwischenstation in Husum entschieden, so artete die Autofahrt nicht in Stress aus und die Fahrt durch wechselnde Landschaften ist ja auch schon ein Stückchen Urlaub, wenn man dabei nicht unter Zeitdruck ist.

Alter Hafen in Husum/Nordfriesland – Bild Nr. 201909230229

Hier, in der gar nicht so grauen Stadt am Meer, kennen wir uns aus, weil wir schon des öfteren für ein verlängertes Wochenende waren, meistens zu den Krabbentagen, die immer Mitte Oktober stattfinden. Das Hotel in der Stadtmitte, in welchem wir früher immer übernachtet hatten, kommt für mich heute nicht mehr in Frage, weil es überall Treppen hat. So mussten wir uns dieses Mal eine andere Übernachtungsmöglichkeit suchen. Hier habe ich es so gemacht wie immer: Ich habe zunächst im Buchungsportal booking.com nach einem Hotelzimmer an dem gewünschten Datum geschaut. Da das Portal leider keine detaillierte Auskunft über die Rollstuhltauglichkeit der Hotels bietet, was ich für ein großes Manko halte, gibt es aber den Suchfilter „behindertenfreundlich“. Damit ist zwar noch nicht viel über die tatsächliche Barrierefreiheit gesagt, aber man bekommt schon mal Hotels angeboten, bei denen es sich lohnt nachzufragen. Mit einem kurzen Telefonat, lässt sich schnell alles wichtige klären, bevor man die Buchung vornimmt.

Das Best Western Theodor Storm, bietet einige komfortable rollstuhlgerechte Zimmer an. Die gut ausgestatteten Bäder dieser Zimmer entsprechen den barrierefreien Standards, die Betten sind hoch genug für einen bequemen Transfer. Innerhalb des Hotels ist alles gut mit dem Rollstuhl zu erreichen. Auf jeden Fall sollte man sich aber bei der Buchung ein barrierefreies Zimmer reservieren lassen.

Der Schlossgang in der Stadtmitte von Husum – Bild Nr. 201909240274

Unser Besuch in dem Hotel begann allerdings mit zwei nicht so tollen Überraschungen. Als wir vor dem Haupteingang standen, führten dort 3 Stufen hinauf in die Lobby. Da wir zu zweit hier waren, ging meine Frau erstmal hinein und fragte nach dem barrierefreien Zugang, den es auch gab: Vom Parkplatz aus hinterm Haus ist der Zugang ebenerdig. Soweit so gut. Da ich mich nicht mit dem Auto auf die Suche machen wollte, haben wir uns erstmal zu Fuß, bzw. mit Rolli auf den Weg gemacht. Zu unserem Entsetzen war die Nebenstraße, die zum Parkplatz führte, mit altem grobem und sehr unebenem Kopfsteinpflaster ausgeführt, was in Husum leider keine Seltenheit ist. Normalerweise schreckt mich Kopfsteinpflaster eher selten, aber nach ein paar Metern musste ich feststellen, dass sich die Fahrt darüber mit dem Aktivrollstuhl als äußerst schwierig gestaltete, denn meine 5-Zoll-Lenkrollen waren für ein solch grobes Pflaster definitiv zu klein. Mit etwas Geduld und Fahrpraxis hat es dann schließlich doch geklappt. Ein Freewheel-Vorsatzrad hätte hier natürlich perfekt Abhilfe geschaffen, aber ein solches besitze ich leider (noch) nicht. An der Rezeption angekommen, war erstmal zu klären, wie ich denn nun wieder zu meinem Auto komme, ohne meinem armen Rolli das Kopfsteinpflaster noch einmal zumuten zu müssen. Hier erwies sich das freundliche Personal als sehr hilfreich. Man öffnete uns noch einen weiteren Zugang über den Biergarten zu einer anderen Nebenstraße, der zwar nicht regelmäßig offen ist, aber bei Bedarf bereitwillig geöffnet wird. So hatte wir nun einen Zugang den wir nutzen konnten um am Nachmittag und Abend noch einen Bummel durch Husum zu unternehmen.

Wir haben hier auch auf der Rückreise übernachtet. Jetzt wo wir uns hier auskennen, gab es keine bösen Überraschungen mehr. In der Stadt kann man sich im großen und ganzen recht gut mit dem Rollstuhl bewegen. Abgesenkte Bürgersteigskanten gibt es in ausreichender Zahl. Zwar gibt es auch Straßen mit altem Kopfsteinpflaster, die man als Rollstuhlfahrer besser meiden sollte, aber Straßen mit neuerem kleinteiligem Altstadtpflaster sind, zumindest mit 5-Zoll-Lenkrädern gut befahrbar.

Jetzt möchte ich erstmal über die Vorbereitung der Fahrt mit dem Auto berichten:

Handbike auf meinem modifizierten Fahrradträger – Bild Nr. 201909221647

Ich höre schon die Einwände: So eine Mittelklasse-Limousine ist doch kein behindertenfreundliches Auto – Da kann ich nur zustimmen, aber es hat etwas gedauert bis ich bereit war, mich von meinem „Heilig’s Blechle“ zu trennen. Ein Hochdachkombi ist bereits bestellt, wurde aber noch nicht geliefert, also musste der alte Benz noch einmal ran. Mitzunehmen war neben dem üblichen Reisegepäck natürlich noch der Rollstuhl und das Handbike. Für meinen Starrrahmen-Rollstuhl hatte ich neben den normalen Rädern auch meine Twion-Räder mitgenommen. Jetzt hieß es geschickt zu packen: Das Handbike kam auf meinen umgebauten Fahrradträger auf der Anhängerkupplung. Der Rolli kam auf die Rückbank und die Twion-Räder standen zwischen der Rückbank und den Vordersitzen. Die anderen Rädern fanden unterm Kofferraumboden in der leeren Reserveradmulde ihren Platz und so stand der Kofferraum vollständig für das Gepäck zur Verfügung, das schließlich auch hinein gepasst hatte.

Rollstuhl auf der Rückbank – Bild Nr. 201909221649

Um auf die Insel zu kommen, muss es natürlich noch auf die Fähre gehen. Diese fahren mehrmals täglich ab Dagebüll, mit dem Auto von Husum aus in 45 Minuten zu erreichen. Die Fähren habe ein Autodeck und darüber ein Salondeck. Zwischen beiden Ebenen gibt es einen Aufzug, so kann man auch als Rollstuhlfahrer das Auto verlassen, um für die 90-minütige Überfahrt im Salon Platz zu nehmen. Einige Fähren bieten reichlich Platz zwischen den Autoreihen, andere werden extrem eng geparkt. Deshalb ist es wichtig vor Fahrtantritt seinen besonderen Platzbedarf anzumelden, damit so geparkt wird, dass ein Umstieg vom Auto in den Rolli und der Weg zum Besuch des Salondecks frei ist.

Fähre in Dagebüll – Bild Nr. 201909240275

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Insel Amrum selbst: In meinem Fotoblog stelle ich die Insel in Wort und Bild vor. Aus meiner Rollstuhlfahrersicht kann ich sagen, dass ich hier keine nennenswerten Probleme hatte. Die meisten Restaurants, Cafés und Geschäfte können mit dem Rollstuhl gut befahren werden. ich konnte die Erfahrung machen, dass das freundliche Personal in den Lokalen immer auch einen geeigneten Platz für uns gefunden hatten und so fühlte ich mich als Gast stets willkommen. Die Straßen und die meisten Wege sind asphaltiert. Auch die Kieswege waren gut befahrbar, so dass ich mit meinem Handbike fast überall hin gekommen bin. Klar, enge Trampelpfade oder Wege durch die Dünen waren für mich nicht passierbar, aber daran ist nun mal nichts zu ändern. Es gab allerdings drei asphaltierte Passagen über die Dünen, über die ich auch mit dem Rollstuhl und Handbike fahren konnte. Holzbohlenwege führten dann fast bis ans Wasser. Hätte ich ins Wasser gehen wollen, was mir im Herbst aber nicht wünschenswert erschien, standen dafür Strandrollis zur Verfügung.

Befestigte Passage über die Dünen zum Strand – Bild Nr. 201909240291
Strandrolli – Bild Nr. 201909240288

Mein Fazit: Amrum ist eine Reise wert, gerade auch für Rollstuhlfahrer. Hier fühlt man sich weit weniger behindert als vielfach anderenorts. Die Ferienwohnung war ein Volltreffer, und verdient meine volle Empfehlung.

Am Strand vom Süddorf – Bild Nr. 201909240299

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