Von Bingen nach Koblenz

Am Startpunkt: Bingen am Rhein, Hafenstraße – Bild Nr. 201908122910

Als ich noch einigermaßen dazu in der Lage war, bin ich die 70 Kilometer lange Strecke durchs Obere Mittelrheintal bereits zwei Mal mit dem Fahrrad (Falt-E-Bike) gefahren, das letzte Mal allerdings mit reichlich gesundheitlichen Problemen. Und jetzt, wo es mit dem Radfahren gar nicht mehr klappt, hatte ich mir vorgenommen die selbe Strecke noch einmal mit dem Rollstuhl und Anklemm-Handbike zu fahren. Ich habe mich für einen Werktag entschieden, an dem der Radweg nicht übermäßig frequentiert ist. Die Anfahrt nach Bingen am Rhein (für mich ca. 45 km) geht am Besten mit dem Auto, wobei ich das Handbike auf meinem umgebauten Fahrradträger transportiere.

Bei Burg Pfalzgrafenstein bei Kaub – Bild Nr. 201908122914

Von Bingen aus verläuft der linksrheinische Radweg parallel zur B9 und zur Bahnstrecke. So ist die Strecke weitgehend frei von kraftraubenden langen Steigungen. Nur gelegentlich gibt es kurze steile Anstiege, die für das Gespann allerdings problematisch sind, aber da komme ich noch drauf. Die Qualität der Wege hinterlässt allerdings keinen durchgängig guten Eindruck. Was für ein Fahrrad gerade noch akzeptabel ist, ist für den Handbikefahrer bereits eine Herausforderung: Schlaglöcher, Baumwurzeln die den Asphalt hochdrücken, tiefe Entwässerungsrinnen die quer zur Fahrbahn verlaufen, holprige Ränder, starke Seitenneigung oder Kopfsteinpflaster mindern das Fahrvergnügen. Warum das so ist: Es hat etwas mit der Gewichtsverteilung zu tun. Während beim Fahrrad das Gewicht gleichmäßig auf beide Räder verteilt wird, liegt beim Handbike-Gespann das Gewicht auf den Rollstuhlrädern und das Handbike-Antriebsrad trägt nur eine geringe Stützlast, was die Traktion an Steigungen und auf losem Untergrund beeinträchtigt und dazu führt, dass der gesamte Vorbau über die Unebenheiten hüpft, und das leider nicht geräuschlos. Die gut ausgebauten Strecken zwischen Oberwesel und St. Goar und weiter bis Boppard haben mir allerdings sehr viel Freude gemacht.

Boppard – Bild Nr. 201908122917

Die gesamte Strecke durch das enge Tal mit ihren vielen Burgen ist kurzweilig und so bringe ich die Kilometer schnell hinter mich. Ich war gespannt wie hoch der Stromverbrauch der elektrischen Unterstützung sein wird, da war ich nämlich etwas besorgt, nachdem mir neulich einmal das Missgeschick passiert war, dass der Akku 5 km vor zuhause leer war. Das war eine harte Übungseinheit, wie ich sie mir so garnicht gewünscht hatte. Also hatte ich vorsorglich die niedrigste Unterstützungsstufe eingestellt, die dank der günstigen Topographie auch durchaus gereicht hat. Zu meiner großen Überraschung war am Ende der Akku noch halb voll. Es hatte also während der ganzen 70 km keine Sorge bestanden, dass mich der Energiespeicher im Stich lässt.

Blick auf die Markburg von Spay aus – Bild Nr. 201908122919

Bei Spay zweigt der Weg von der B9 ab und führt durch das malerische Dorf mit seinen Fachwerkhäusern direkt an den Rhein, allerdings ist der Weg ab hier oft sehr holprig, das hat mich schon genervt, aber es ist nun mal Fakt hierzulande, dass Radwege (viel zu) wenig im Fokus der Politik stehen. Verkehrswende, Energiewende, sanfter Tourismus… – Dafür braucht es u.a. qualitativ hochwertige Radwege. Vielleicht sollte ich mich mal an unseren Landes-Verkehrsminister wenden. Ob’s wohl was nützt…?

Zwei kurze Steigungen haben mich dann allerdings in ernste Schwierigkeiten gebracht. Die eine am Ortsausgang des Radweges von Boppard. Hier drehte das Antriebsrad durch und es ging nicht mehr weiter. Zum Glück kamen gerade Radfahrer vorbei, die ich um Schiebehilfe bitten konnte. So war das Problem schnell gelöst. Eine andere Steigung mit feinem Schotter als Untergrund bei der Einfahrt nach Koblenz stellten mich vor ein doppeltes Problem. Einerseits drehte das Rad durch andererseits blockierte es beim Bremsen, so dass das Gespann ungebremst den Hang wieder herunter zu rutschen drohte. Eine gefährliche Situation! So blieb mir nur die Option mit einer Hand am Greifring zu bremsen, und mich dabei quer zu stellen um zu wenden und den Hang wieder vorwärts herunter zu fahren. Ich konnte dann einen alternativen Weg mit weniger steiler Steigung benutzen. So war auch diese Herausforderung gemeistert.

Bei allen Herausforderungen und kleinen Ärgernissen hatte ich mein Ziel schließlich ohne Zwischenfälle erreicht. Es hat also geklappt und die Fahrt hat mich weit weniger gefordert als früher die Fahrten mit dem Fahrrad. So hat es mir dieses Mal sogar körperlich und mental richtig gut getan, und hat mir Mut gemacht, solche Langstrecken auch in Zukunft in Angriff zu nehmen.

Am Deutschen Eck in Koblenz – Bild Nr. 201908122922

Zurück nach Bingen ging es mit der Bahn. Am Ende der Bahnfahrt gab es noch eine kleine Herausforderung: Im Binger Hauptbahnhof sind die Bahnsteige niedriger als z.B. in den Großstädten. Bei Ausstieg war also ein Höhenunterschied von ca. 15 cm zu überwinden, was aber mit dem Handbike-Gespann letztendlich kein Problem war, auch ohne Rampe. Unterm Strich war es wieder eine lohnende Tour, über die ich froh bin, sie gemacht zu haben.

2 Kommentare

  1. Hallo Georg,
    Gratulation zu einer außergewöhnlichen Leistung sowohl im körperlichen als auch im mentalen Sinn. Schön, dass du dir in Zukunft über den Akkuverbrauch in diesem Modus keine Gedanken mehr machen musst.
    Deine Idee, den Herrn Wissing anzuschreiben, finde ich richtig.
    Ich wünsche euch beiden alles Gute.
    Vielleicht bis demnächst mal wieder.
    Liebe Grüße Rainer

    1. Herzlichen Dank Rainer,
      Es ist in der Tat herausfordernd mit einer Behinderung und Hilfsmitteln das zu tun, was für andere ein leichtes ist. Aber es nicht zu wagen hieße ja, dass man dabei ist, sich selbst aufzugeben, statt sich auf die neue Situation einzustellen und nicht einfach auf alles zu verzichten. Dass man dabei gewisse Einschränkungen in Kauf nehmen muss, ist klar. Aber immer wieder neue Wegen zu suchen und zu entdecken, wie man das sonst so selbstverständliche einfach anders machen kann, das macht das Leben mit Behinderung spannend und lebenswert. Und jeder noch so kleine Erfolg bringt einen wieder ein Stück weiter.

      Dem Herrn Wissing einmal zu schreiben, ja das sollte ich wirklich machen. Denn Rheinland-Pfalz braucht nicht nur Premium-Wanderwege, sondern auch Premium-Radwege.

      In diesem Sinne, liebe Grüße aus Rheinhessen,
      Georg

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