Mit dem Handbike zurück ins (fast) normale Leben

Mein Handbike vor der Christuskirche in Mainz – Bild Nr. 201905302415

Wer mich kennt, weiß wie sehr ich darüber glücklich bin ein Vorspann-Handbike zu besitzen. Ich möchte aber dennoch hier wieder ein paar Zeilen dazu schreiben, denn es ist wichtig immer wieder an den Nutzen eines solchen Hilfsmittels zu erinnern, weigern sich doch in der Regel unsere Krankenkassen immer noch, die Kosten dafür zu übernehmen. Da Handbikes aber teuer sind, lohnt es sich dafür zu streiten und dafür braucht es Argumente.

Wieviel es für einen Menschen der auf einen Rollstuhl angewiesen ist bedeutet, all das wieder mitmachen zu können, was für gesunde Menschen selbstverständlich ist, kann sich wahrscheinlich nur jemand vorstellen, der auch persönlich betroffen ist. Ich kann aus eigener Erfahrung eines sagen: Erst das Handbike hat mich mit meiner persönlichen Mobilitätseinschränkung wirklich versöhnt. Die Zeit davor war einfach unbefriedigend. Zwar konnte ich mich mit dem Rollstuhl innerhalb von Gebäuden auch schon vorher gut bewegen. Kurze Wege in der Großstadt stellten auch kein unlösbares Problem dar. Aber die langen gemeinsamen Spaziergänge mit meiner Frau von z.B. 7-10 km durch unser rheinhessisches Hügelland waren so gut wie nicht mehr machbar. Klar kann ein gesunder Mensch auch mal seinen Partner im Rollstuhl schieben, aber das möchte ich meiner Frau nun wirklich nicht zumuten, solange es doch bessere Lösungen gibt.

Hierfür habe ich für mich persönlich sogar 2 Lösungen: Die eine besteht in elektrischen Radnabenantrieben (Twion) und die andere ist eben das Handbike, denn anders als bei einem Zweirad kann man damit sehr gut auch Schrittgeschwindigkeit fahren und jederzeit einmal anhalten. Zudem fährt es sich damit einfach unbeschwert, auch auf Wegen mit Seitenneigung. So kann ich von Fall zu Fall entscheiden: Die Radnabenantriebe sind ideal in der Stadt, weil man damit in Geschäfte, Restaurants  oder Museen hineinfahren kann ohne alle Augenblicke das Handbike an- und abmontieren zu müssen. Geht es über Land dann ist das Handbike das Hilfsmittel der Wahl.

Besorgungen lassen sich natürlich auch mit dem Handbike erledigen. Ich lebe auf dem Land und damit sind, egal wohin, immer ein paar Kilometer zurück zu legen. Heute früh bin ich z.B. zum Brötchen kaufen in einen unserer Nachbarorte gefahren: 3,5 km hin und auch wieder zurück. Da hat, zumindest wenn das Wetter stimmt, das Auto einfach mal Pause. Nach dem Frühstück hatte ich noch in unseren benachbarten Kleinstädten Nierstein und Oppenheim etwas zu erledigen. Auch diese Wege, hin und zurück insgesamt 42 km auf Radwegen, bin ich dann mit dem Handbike gefahren und habe die Freiheit genossen, über weite Strecken nicht auf den Verkehr fokussiert sein zu müssen, sondern die Schönheit der Landschaft genießen zu dürfen. Für etwas Entspannung bei einer Tasse Kaffee in Oppenheim hat dann die Zeit auch noch gereicht.

Fahrradtouren mit Freunden oder die Teilnahme an Events für Radfahrer, wie das „Rheinradeln“ in Rheinhessen oder „Tal total“ am Mittelrhein lassen sich mit dem Handbike genauso gut bewältigen wie als Gesunder mit dem Fahrrad.

Natürlich kann man all dies auch mit einem elektrischen Zuggerät erledigen, welches sich wie ein Handbike vor den Rollstuhl spannen lässt. Das hat je nach Art und Ausmaß der Behinderung auch seine Berechtigung, aber damit ist natürlich keine körperliche Betätigung verbunden, und die sehe ich aber für mich als sehr wichtig an, um mich auch als Rollstuhlfahrer fit zu halten. So ist das Handbike, das ich gerne „Meine Freiheit auf 3 Rädern“ nenne, sowohl für die Physis als auch für die Psyche von herausragender Bedeutung. „Fahrrad“ fahren zu können obwohl die Beine und/oder der Gleichgewichtssinn nicht mehr mitspielen, das macht einfach glücklich und ist deshalb letztendlich als wichtiger Baustein zur Erhaltung der ohnehin schon unter den Einschränkungen leidenden  Gesundheit anzusehen.

Die Schönheit der Landschaft genießen – Bild Nr. 201905312422

Wo Licht ist, da ist leider auch Schatten, und der schmälert das Vergnügen zuweilen etwas. Und auch darüber will ich ganz offen schreiben. Bereits jeder Radfahrer kann ein Lied davon singen: Unsere Radwege sind zu großen Teilen in einem erbärmlichen Zustand, sowohl in den Städten als auch auf dem Land. Im ländlichen Raum werden viele dieser Wege zweckmäßigerweise auch für die Landwirtschaft genutzt. Das bringt obendrein Verschmutzungen und Abnutzung, bis hin zu massiven Schäden mit sich. Die Landwirte, die mit ihren tonnenschweren Fahrzeugen unterwegs sind, interessiert das nicht weiter. Die werden auch gut mit gebrochenen Fahrbahndecken und Unebenheiten fertig, welche aber bereits Radfahrer bei höherer Geschwindigkeit unsanft aus dem Sattel heben können. Im Rollstuhl fühlt sich das alles noch viel schlimmer an, und man möchte natürlich auch nicht, dass die nur leicht angehobenen Lenkräder des Rollstuhls immer wieder abgerissen werden. Hier ist also schon erhöhte Aufmerksamkeit gefragt, vor solchen groben Unebenheiten mit der Geschwindigkeit herunter zu gehen. Auch Kurven lassen sich nicht nehmen wie mit einem Fahrrad, denn dabei entstehen enorme Fliehkräfte nach außen. Hier ist, um Unfälle und Schäden zu vermeiden, das Tempo deutlich zu reduzieren. Wo es aber auf ebener Piste geradeaus geht, sind Geschwindigkeiten von bis 30 km/h gut möglich. Unbekannten Strecken sollte man aber mit Vorsicht begegnen und lieber eine gemächlichere Gangart bevorzugen.

Eine wesentliche Einschränkung sei hier auch noch erwähnt, und die betrifft sowohl Vorspann-Handbikes als auch Zuggeräte: Beim Bergauffahren auf losem Untergrund gibt es massive Traktionsprobleme, sprich das Antriebsrad dreht durch und es gibt kein Vorwärtskommen mehr. Das liegt an der ungünstigen Gewichtsverteilung. Das Gewicht des Fahrers liegt voll auf den Rädern des Stuhls während das Vorderrad mehr oder weniger nur abstützt. Zwar lassen sich auf sauberem Asphalt durchaus Steigungen von 10-12% meistern, nicht aber wenn die Fahrbahn verschmutzt ist oder gar auf Sand oder Kies. Man sollte also bei der Wahl der Strecke berücksichtigen, dass ein Rollstuhl-Vorspann kein Mountainbike ist. Dafür gibt es andere Sportgeräte, die aber andererseits wieder wenig alltagstauglich sind.

Mein Fazit: Ein Vorspann-Handbike kann man nicht als das absolut ideale Fortbewegungsmittel für alle Lebenslagen ansehen (Gibt es sowas überhaupt?), aber es ist trotz seiner Schattenseiten eine hervorragende Möglichkeit zu einem Stück fast normalem Leben zurück zu finden. Und das stellt für einen körperlich eingeschränkten Menschen wirklich einen sehr hohen Wert dar.

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