Warum nicht mal die Bahn benutzen?

Bahnhof Nackenheim/Rheinhessen - Ein Zug der Rhein-Neckar S-Bahn

Wer mich kennt weiß, dass ich ein absoluter Autofahrer bin und mir öffentliche Verkehrsmittel immer ein wenig suspekt sind. Aber auf der einen Seite werden Dieselfahrverbote in den Innenstädten diskutiert und teilweise auch schon durchgesetzt, während auf der anderen Seite z.B. die Deutsche Bahn nicht unbedingt einen unangefochten guten Ruf genießt. Aber angesichts des dichten Straßenverkehrs ist es halt so, dass wir alle zukünftig nicht mehr alleine auf das Auto setzen können, und so kommen Bus und Bahn wieder auf die persönliche Agenda. Das gilt auch für mich, obwohl ich keinen Diesel fahre, und der Ausstoß an Feinstaub meines älteren Benziners auch eher gering ist.

Aber was hat mich jetzt bewogen, wieder öfter mal die Bahn zu nutzen, und das obwohl (oder doch weil) ich Rollstuhlfahrer bin? Es hängt damit zusammen dass ich erst im vergangenen Jahr 2018 endlich meine HSP-Diagnose erhalten hatte, entsprechend konnte ich damit zunächst die Hilfsmittel bekommen, die ich für die Bewältigung meines Alltags benötige, sowie meinen Antrag auf einen Behindertenausweis stellen. Mit der Anerkennung einer Schwerbehinderung sind auch eine Reihe von sogenannten Nachteilsausgleichen verbunden. Einer ist die Möglichkeit, gegen eine Jahresgebühr von 80 Euro ein Jahr lang kostenlos den gesamten öffentlichen Personennahverkehr in Deutschland zu nutzen. Ich hätte mich alternativ auch für die Erstattung der halben KFZ-Steuer entscheiden können, aber ich halte es eher für sinnvoll, mal öfter das Auto stehen zu lassen.

Nun gilt es, die Entscheidung mit Leben zu füllen und so bin ich heute zunächst mit dem Auto zum nächstgelegenen Bahnhof  nach Nackenheim gefahren (bei uns in Mommenheim gibt es leider keinen Bahnhof mehr) um dort in den Zug zu steigen, der mich zum Mainzer Hauptbahnhof brachte, damit ich dort meinen längst fälligen Friseurbesuch und noch ein paar Besorgungen in der Innenstadt erledigen konnte. Nun bin ich in der glücklichen Lage mich zwischen einem rein manuellen Rollstuhl oder einem mit Radnabenantrieben entscheiden zu können, aber in der Stadt setze ich jetzt immer auf meine Twion-Antriebe, und so versprach es ein ganz entspannter Vormittag zu  werden.

Im Bahnhof Nackenheim gibt es lange Rampen um vom Straßenniveau hinauf zu den Bahnsteigen zu gelangen, da habe ich mich gleich über meine Antriebe gefreut, die mich locker und entspannt nach oben gleiten ließen. Jetzt war ich gespannt, wie es wohl mit dem Einstieg wird. Der Zug hielt an und ich war ein wenig geschockt, dass zwischen Bahnsteigkante und dem Triebwagen eine Lücke von ca. 12 cm klaffte. Ich bin dann schnell an den Anfang des Zuges zum Zugführer gefahren, der mich bereits bei der Einfahrt gesehen hatte. Er stieg aus, legte mir eine Rampe aus und so konnte ich bequem in den Zug hinein fahren. Dann fragte er mich noch, wo ich wieder auszusteigen gedenke, damit er mir am Ziel auch wieder hinaus helfen konnte. Also war alles ganz entspannt, ein guter und freundlicher Service, wie ich finde.

Wochenmarkt vor dem Dom St. MartinIn der Stadt ging es ebenso entspannt weiter, kein nervender Innenstadtverkehr, keine Parkgebühren und kein Benzinverbrauch. Im Bahnhof gibt es Aufzüge und mit meinen Antrieben haben mich in den Straßen und in der Fußgängerzone die vielen Schrägen und Unebenheiten überhaupt nicht gestört. Mit einer Hand anzutrieben, während man mit der anderen bremst, braucht auf diese Weise keine Kraftanstrengung mehr. Steigungen und Gefälle… – alles kein Problem. Rollstuhl fahren ist so zum Glück keine Knochenarbeit mehr, aber ich bin auch nicht so passiv unterwegs wie z.B. mit einem Elektrorollstuhl. Auf diese Weise bekomme ich einfach noch meine gewünschte Bewegung. So habe ich zunächst meinen Friseurbesuch erledigt und bin danach noch weiter ins Zentrum hinein bis zum Marktplatz gefahren, habe meine Einkäufe getätigt, und habe mir anschließend im Café in der Römerpassage noch einen Cappuccino gegönnt. Danach ging es wieder genauso entspannt nach Hause zurück, wie ich zuvor nach Mainz gekommen bin. Vielleicht werden die Bahn und ich doch noch gute Freunde.  😉

 

Ein Kommentar

  1. Hallo Georg,
    ich lese ein wenig in deinem Blog und kann mich so mehr in deine Situation versetzen.
    Dabei denke ich darüber nach, für wie selbstverständlich ich meinen eigenen Gesundheitszustand empfinde.
    Danke für deine offene Art, die mir hilft, deine Situation besser zu verstehen.
    Alles Gute und bleibe weiterhin so positiv, wie ich dir hier und bei unseren Treffen wahrnehme

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